Es gibt so viele Blogeinträge zu der Pressekonferenz am vergangenen Mittwoch, in der Vodafone sich neu erfinden wollte, dass man zwar alle Texte nacheinander ausdrucken kann, aber dann wird man feststellen, es ist viel Zeit vergangen, und der Stapel ist zu schwer, um ihn alleine zu tragen. Wenn man nur wissen will, ob die Kampagne erfolgreich gestartet ist, kann man sich das Lesen also sparen.
Trotzdem ist es ganz interessant, den Stapel tatsächlich zu lesen, denn irgendwann fragt man sich unweigerlich: Wie konnte Vodafone schon dadurch so viel richtig machen, dass es so viel falsch gemacht hat? Die Antwort muss ungefähr lauten: Sie hatten Glück, dass sie deie Fehler als Erster machen konnten. Die Pressekonferenz zum Start der Kampagne sollte keine normale Pressekonferenz sein. Sie wurde per Live-Stream übertragen, alle sollten dabei sein können. Es waren dann ziemlich viele dabei, und möglicherweise war das einer der ersten Fehler.
Die Häme der vielen Blogger, die zusahen, kam nicht völlig überraschend, denn eine Werbekampagne ist immer auch ein Anbiederungsversuch. Niemand konnte damit rechnen, dass das keiner merkt.
Das hat Vodafone natürlich nicht daran gehindert, sich trotzdem anzubiedern. Immerhin machen Blogger Lärm, und den hören auch die, die sich gar nicht für die Kampagne interessieren, sondern höchstens für Vodafones Preise, vielleicht für den Titelsong des Spots und, unwahrscheinlich, aber möglich: für die Frisur von Sascha Lobo, der auch mitspielt.
Vielleicht hat sich vorher niemand die Frage gestellt, wie das gehen könnte, aber es ist dann doch irgendwie gelungen, sich mit der Inszenierung vor den Bloggern lächerlich zu machen und den Journalisten im Raum gleichzeitig das zu liefern, was sie immer serviert bekommen.
Da stand der pomadige Vodafone-Markenchef, sprach immer wieder bemüht von einer „Zielgruppe“, sagte Sätze wie „Wir sind nicht doomy und gloomy“, und wenn er etwas Deutsches einwarf, dann erklärte er, Vodafone werde jetzt das Weltbild umdrehen. Wenn man dann auch noch kurz vergessen hatte, dass es um Werbung ging, musste man ihn für übergeschnappt halten.
Das kam nicht so gut an in der Netzgemeinde. Viele hatten etwas anderes erwartet. Konkreteres. Bessere Datentarife, vielleicht eine Rundum-Flatrate für Blogger. Keinen Fachvortrag über das Potenzial der Marke Vodafone, sondern eher ein paar Worte darüber, was die 200-Millionen-Euro-Werbeschlacht dem bringt, der Kunde wird.
Es waren gute Vorlagen für schlechte Kritik. In den klassischen Medien las man trotzdem kaum etwas über die missglückte Präsentation, weil es eben auch nur eine Werbekampagne ist. Und das zeigt zum Beispiel, warum derlei Werbung bislang ganz gut funktioniert hat und was Social-Media-Kanäle ändern werden.
Zeitungen zum Beispiel können nicht viel richtig machen, wenn sie über Werbekampagnen berichten. Schreiben sie Gutes, ist es Werbung, schreiben sie Schlechtes, auch. Und im Zweifel verderben sie es sich noch das Geschäft mit Anzeigenkunden. Es dauerte fast eine Woche, bis die taz das Thema am Dienstag aufgriff. Aber da ging es längst nicht mehr um die Kampagne selbst, sondern um den Spott der Blogger darüber.
Vor einigen Jahren mussten Firmen bei einer schlechten Kampagne allenfalls mit miesen Absatzzahlen und ein paar Briefen rechnen. In den letzten Jahren konnte es passieren, dass Blogs vollgeschrieben wurden, aber auch das konnte man noch ganz gut ignorieren. Wenn Unternehmen jetzt in Social-Communities auftauchen, dann ist man plötzlich mit ihnen befreundet. Und daran müssen sich auch die Unternehmen gewohnen. Denn von Freunden erwartet man, dass sie ehrlich sind, mit Kritik umgehen und Fehler auch mal zugeben.
Das fällt den Unternehmen nicht ganz so leicht. Man sieht es schon daran, dass Vodafone jetzt eines der ersten großen ist, die ein Blog einrichten, in dem Kunden auch Kritisches schreiben dürfen. Und man muss es fast schon loben, wenn Vodafone dann sogar auf die Kritik reagiert.
Unternehmen machen nur selten den mutigen Schritt, Fehler zuzugeben. Meistens dann, wenn es nicht anders geht. Dann aber oft mit Erfolg. Trotzdem lernen andere nur selten daraus. Hier kommt dann immer das Beispiel der Mercedes-Kampagne nach dem A-Klasse-Debakel: „Stark ist, wer keine Fehler macht. Stärker, wer aus Fehlern lernt.“ Danach lief alles blendend.
Der Werbeexperte Ralf Schwartz hat Vodafone in seinem Blog schon geraten, die ganze Kampagne einzustampfen. Aber das wird schon deshalb nicht passieren, weil die sie am Ende wohl nicht das große Debakel werden wird, das jetzt viele prophezeien. Die Bilder sind bunt, den Songen werden viele ganz gerne mal wieder hören. Die Plakakte hängen überall, und wahrscheinlich reicht das schon.
Bleibt natürlich das Problem mit der Netzcommunity, die man ja eigentlich gewinnen wollte. Und sicher war es nicht ganz so glücklich, dass Vodafone sich auch noch für die Sperrung problematischer Internetseiten eingesetzt hat, wo die Netzgemeinschaft doch einmal geschlossen für etwas war.
Aber immerhin kann jetzt niemand sagen, es seien nicht genügend Fehler gemacht worden, um zu zeigen, dass man daraus lernen kann.
Hinweis:
Ralf Schwartz hat irgendwo in seiner Mediaclinique alle wichtigen Einträge zur Diskussion verlinkt.
Carmen Hillebrand