Formspring: Fragen übers Fragen

Dezember 21, 2009

Wieder gibt es ein neues Ding, von dem keiner weiß, wozu es gut ist. Wieder halten es viele für Zeitverschwendung. Und wieder wird sich das möglicherweise bald ändern. Das Ding heißt Formspring und ist ganz leicht zu erklären, was eigentlich immer für eine Idee spricht. Formspring ist ein Blog, in dem Menschen öffentlich auf Fragen antworten. Das ist nicht viel, hat aber offenbar noch gefehlt.

Sascha Lobos erste Antwort auf seiner Formspring-Seite vor zwei Wochen war: Ja. Die Frage dazu lautete: Den Sinn von Formspring hast du verstanden, oder? Die Frage wäre kein Anlass für einen Blogeintrag gewesen. Hätte man sie bei Twitter gestellt, wäre sie angekommen, dann aber vermutlich im Strom der anderen Tweets verloren gegangen. Bei Formspring steht über jeder Antwort die Frage dazu.

In den letzten Tagen hat Sascha Lobo viele Fragen beantwortet, die es sonst wohl nicht zur Veröffentlichung geschafft hätten, für die sich aber anscheinend trotzdem viele Menschen interessieren. Er hat zum Beispiel verraten, dass er noch nie daran gedacht hat, seinen Bart zu färben. Und er hat zugegeben, dass er nicht auf jede Frage eine Antwort hat, woran man zu zweifeln beginnt, wenn man den Rest seiner Antworten liest. Inzwischen hat er so viel geschrieben, dass der Text 123 Word-Seiten in Anspruch nimmt, wenn man ihn rüberkopiert.

Nicht nur Lobo hängt da jetzt drin. Auch ein guter Teil der übrigen Twitter-Prominenz hat inzwischen einen Formspring-Account. Der Suchtfaktor ist auch deshalb so groß, weil die Aufmerksamtkeit noch etwas stärker konzentriert ist als in den anderen Netzwerken. Erst wird man gefragt, dann antwortet man. Bislang war das umgekehrt.

Die Liste der Fragen und Antworten liest sich wie eine Frequently-Asked-Questions-Rubrik (FAQ) oder ein langes Interview. Neu daran ist nur, dass das Ende fehlt. Bislang sind Interviews im Webzwonull meist nur so zu finden, wie man sie vom Papier kennt.

Etwas Ähnlichkeit mit Formspring hat die Seite Abgeordnetenwatch.de. Dort antworten Politiker, allerdings: nur Politiker. Vielleicht auch deshalb fallen die Korrespondenzen so förmlich und trocken aus wie Post vom Ordnungsamt.

Wer eine Frage stellen möchte, muss seine Adresse, die E-Mail-Adresse und sogar seine Telefonnummer nennen. Das ist keine große Hürde. Nur, wer lieber anonym bleiben will, muss gegen die Regel verstoßen, indem er sich einen anderen Namen gibt. Und selbst wer unter einem Pseudonym schreibt, verrät etwas über seine Identität, wenn er seinen Namen nicht ständig wechselt. Formspring legitimiert die Anonymität. Es entkoppelt die Frage vom Absender und senkt damit die Hemmschwelle, vermeintlich dumme Fragen zu stellen, was manchmal ganz gut ist.

Die Kommunikation wird dadurch ungezwungen, was natürlich nicht nur Vorteile ha, denn im Schatten der Anonymität werden auch Fragen gestellt, die nicht nur vermeintlich, sondern tatsächlich dumm sind, oder einfach völlig daneben.

Stefan Niggemeier hat dem Medienmagazin Journalist in einem Interview gesagt, er finde die Möglichkeit, dass Leute auf seiner Seite unter Pseudonym kommentieren können, prinzipiell richtig, wünsche sich aber oft, dass es nicht möglich sei. “Manchmal sehe ich als Blogbetreiber an der E-Mail-Adresse, wer das wirklich ist, und dass das nicht irgendwelche Schlafanzugträger sind, sondern Chefs von Nachrichtenagenturen, die unter dem Schutz der Anonymität mal richtig vom Leder ziehen”, sagt er. Andererseits kann die Anonymität auch der Wahrheit behilflich sein. Wer kann schon all das sagen, was er wirklich denkt?

Und davon ganz unabhängig: Ohne Anonymität hätten die Diskussionen in den Kommentarspalten womöglich den Charme einer nachmittagsmüden Bundestagsdebatte.

Bei Formspring sind anonyme Fragen nicht das Problem, weil der Adressat selbst entscheidet, worauf er antwortet und was er löscht. Er muss es auch nicht begründen. Als Antwort genügt im einfachsten Fall ein Ja oder ein Nein. Es ist ein Interview im Plauderton. Da ähnelt es Twitter sehr – nur, dass die Länge der Fragen und Antworten nicht auf 140 Zeilen beschränkt ist.

Das sind noch gar nicht alle Parallelen. Twitter und Formspring können verknüpft werden, so dass die Beiträge synchron erscheinen (geht auch mit dem Facebook).  Formspring-Nutzer können sich gegenseitig folgen und so zu einem Netzwerk verbinden. Was Twitter und Formspring außerdem verbindet, ist dass beide Unternehmen nicht wissen, wie sie mit ihrem Geschäftsmodell Geld verdienen können.

Das Magazin Instyle hat vor ein paar Tagen den zaghaften Versuch gewagt, Formspring kommerziell zu nutzen. Es hat angekündigt, online zu gehen und seine Leser dazu aufgerufen, Wünsche und Anregungen per Formspring zu schicken. Die Resonanz war mau. Kaum mehr als ein Dutzend Beiträge kamen zusammen. Seit drei Tagen tut sich gar nichts mehr, aber es war immerhin ein Anfang.

Einiges spricht dafür, dass aus vorsichtigen Versuchen noch mehr werden könnte, denn Formspring bringt Vorteile von Facebook und Twitter in einem Dienst zusammen. Twitter ist als Monolog angelegt, in dem Zwischenrufe möglich sind. Das Facebook ordnet Statements und Kommentare so, dass man Diskussionen verfolgen kann. Formspring übernimmt die Anordnung aus dem Facebook und macht einen Dialog daraus.

Das ist nicht mehr als eine weitere Variante des Webzwonull. Aber für bestimmte Zwecke ist sie besser zu gebrauchen Twitter oder das Facebook. Die Hollywood-Stars Demi Moore und Ashton Kutcher zum Beispiel veröffentlichen bei Twitter alles Mögliche aus ihrem Privatleben, unter anderem Fotos. Damit beeinflussen sie ganz geschickt den Marktwert der Bilder, die sonst von ihnen geschossen werden. Bei Twitter zeigen sie Fans, was sie selbst für interessant halten. Formspring ist ein öffentlicher Dialog mit anderen, in dem die anderen die Fragen stellen.

Auch Unternehmen würden ihre Kunden auch gerne zu Fans machen. Der Google-Sprecher Stefan Keuchel hat als einer der Ersten damit begonnen, sich bei Formspring löchern zu lassen. Er verrät dabei kaum Neues, aber auch er beantwortet zum Beispiel Fragen zu seiner Frisur. Man mag das für Quatsch halten, aber genau das macht den Unterschied zu Diskussionsforen aus. Das Interesse richtet sich auch auf den Menschen, der die Fragen beantwortet.

Gerade das macht den Dienst für die unbekannte Masse reizvoll. Wo sonst wird man so sehr ins Scheinwerferlicht gerückt wie in einem Interview? Jede Frage ist ein Mikrofon, das dem Einzelnen vor den Mund gehalten wird. Jeder Frage ist Aufmerksamkeit. Übrigens ganz erstaunlich, dass überhaupt noch irgendwer einen so langen Text bis zum Ende liest.

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